Indigene Wissenschaft - was ist das?
Beitrag von Franziska Marie Benz
Indigene Wissenschaft beruht im Vergleich zu unserer westlichen, modernen Wissenschaft auf einem Jahrtausende alten Ur-Wissen, das bis heute von indigenen Völkern gelebt, bewahrt und behütet wird.
Indigene Wissenschaft ist "ein umfassender Weg des Verstehens, des Lebens und des Seins in der Welt, der eine aktive Verbindung mit der Natur, mit den Spirits, Orten, Astrologie, ... wahrt. Im Gegenzug zu der Praxis der europazentrierten Wissenschaft, die auf Trennung begründet wurde" [1].
Die moderne Wissenschaft, die uns in Europa heutzutage bekannt ist, ist eine vergleichsweiße junge Wissenschaft. Diese besitzt ihre Wurzeln u.a. in der griechischen Philosophie und ist geprägt von Platons und Aristoteles' systematischen Denkweisen. Die Trennung durch ausschließlich rationales Denken spiegelt sich zum Beispiel in den zahlreichen getrennten wissenschaftlichen Disziplinen wider.
Dr. Wilson vom indigenen Volk der Opaskwayak Cree Nation beschreibt: "Der westliche Verstand ist durch indigene Wissenschaft herausgefordert zu verstehen, dass der wichtigste Aspekt die Beziehung gegenüber allem ist" [2]. Indigene Wissenschaft ist im Vergleich zur westlichen Wissenschaft eine subjektive Wissenschaft. Lassen sich beide Wissenschaften vereinen?
Die westliche Wissenschaft stößt offensichtlich in Bezug auf Lösungen des vom Westen bezeichneten "Klimawandels" rein durch objektives Forschen an ihre Grenzen. Aus der Sicht der indigenen Wissenschaft ist einleuchtend, wie Dr. Colorado von den Oneide Nations in einem Artikel beschreibt:
"Sie [die Urgewalten] können nicht durch Technologie oder Intellekt bekämpft werden. Sie können nur durch den Urverstand beantwortet werden, der aus der Weisheit der natürlichen Systeme der Erde selbst stammt" [3].
Wie können wir Ur-Wissen in unsere moderne Welt mit einfließen lassen?
Der Kontakt zu indigenen Menschen und der indigene Wissenschaft ist ein wertvoller Weg, der uns an unseren Ur-Verstand und die Weisheit unserer Ahnen erinnern und gemeinsam Antworten finden lässt.
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Foto: Río Talari in Costa Rica, heiliger Fluss des Berges Chirripó - Land des immer währenden Wassers der Indigenen Stammes der Cabécar. Eigene Aufnahme.
Fußnoten:
[1] Aus dem Englischen übersetzt aus: Kremer, J. W.; Jackson-Paton, R. (2018). Ethnoautobiography. Stories and practices for unlearning whiteness. Decolonization. Uncovering ethnicities. Kendall Hunt, S. 428.
[2] Aus dem Englischen übersetzt: Wilson, S. (2008). Research is Ceremony. Indigenous Research Methods. Fernwood Publishing Co Ltd.
[3] Aus dem Englischen übersetzt: Jim Garrison zitiert in Colorado, A. (2013). Scientific Pluralism. In Peat (Ed.), The Pari Dialogues. Essays in Indigenous Knowledge and Western Science (Vol.2, pp.337–361). Pari Publishing Sas, S.353.
Impuls: Dekolonialer Umgang und Integration von Indigenem Wissen
Beitrag von Franziska Marie Benz
Die Indigene Professorin Linda Tuhiwai Smith (Māori, Ngāti Awa und Ngāti Porou iwi) beschreibt Dekolonisieren als einen Prozess, der auf verschiedensten Ebenen in Bezug auf Imperialismus und Kolonialismus stattfindet[1].
Dekolonisieren bedeutet, die eigene Geschichte, die der Vorfahren und die Gedanken sowie das daraus resultierende Handeln kritisch zu hinterfragen. Zudem ist Dekolonisieren ist lebenslanger Prozess, der einlädt Denkmuster und Verhaltensweisen, die durch das «gut abgegrenzte, souveräne, individualistische, …moderne Selbst in (post)modernen Gesellschaften»[2] nicht dem eigenen Sein und dem der eigenen Kultur im Einklang mit der Erde dienen, zu reflektieren und diese loszulassen.
Linda Tuhiwai Smith beschreibt, dass es zunächst entscheidend ist, welche Werte hinter der Motivation stehen, sich mit indigenem Wissen auseinanderzusetzen. Welche Werte leiten dich in Bezug auf die (Wieder-)Begegnung mit Indigenem Wissen?
Indigenes Wissen ist oft für den rationalen Verstand schwer (be)greifbar. Oft ist der Prozess des Dekolonisierens hauptsächlich geleitet von Wahrnehmungen und Emotionen. So zum Beispiel können die Präsenz und Reflektion an heiligen Orten der eigenen Kultur und das Beginnen des Spürens der bewussten Verbindung zu den Vorfahren, die den Ort einst hüteten, den Prozess unterstützen.
Auf dem Bild ist folgendes zu sehen: die Urquelle des Blautopfes in Blaubeuren.
Welche Orte laden dich zur Reflektion ein? Welche Orte laden gemeinsam zur Reflektion ein?
Dekolonialer Umgang mit Indigenem Wissen bedeutet das Indigene Wissen nicht zu kopieren und Indigene Völker nicht zu romantisieren. Begegnungen auf Augenhöhe, in Erinnerung und Verbundenheit zu den eigenen Wurzeln, von Herz zu Herz, bilden das Fundament für einen dekolonialen Austausch und Integration von Indigenem Wissen
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Fußnoten:
[1] Aus dem Englischen übersetzt: Tuhiwai Smith, L. (2008). Decolonizing Methodologies. Research and Indigenous Peoples (twelfth impression). Palgrave, S.20.
[2] Aus dem Englischen übersetzt: Kremer, J. W., & Jackson-Paton, R. (2018). Ethnoautobiography. Stories and practices for unlearning whiteness. Decolonization. Uncovering ethnicities. Kendall Hunt. S.423.
VOM RUF UND DEM ERINNERN DER EIGENEN INDIGENEN WURZELN
Beitrag von Franziska Marie Benz
Das indigene Wissen der KOGI, ein umfassendes Denken und Sein mit Mutter Erde und das von anderen indigenen Völkern kann, wer sich mutig darauf einlassen mag, wie ein Spiegel, der uns an unsere eigenen indigenen Wurzeln erinnert, wahrgenommen werden. Es klingt wie ein Ruf, einer Einladung zurück zur Verbundenheit mit Mutter Erde und somit unserem ursprünglichsten Denken und Sein. Die Arbeit auf der Reflektionsebene des indigenen Wissens ist tiefgreifend und lässt uns Europäer mehrere tausende, ja gar 10.000 Jahre zurückblicken. Wie lebten unsere Vorfahren vor tausenden von Jahren? Verstanden sie, so wie die KOGI es noch heute tun, die Zyklen von Mutter Erde und lebten im Einklang mit ihr? Die im Jahr 2008 am Rande der Schwäbischen Alb entdeckte Venus vom Hohle Fels[1] lässt vermuten, dass das Ehren von Fülle und Weiblichkeit, einen zentralen Bestandteil des Alltages der europäischen Vorfahren darstellte. Die Venus Figur wird auf 38.000-40.000 Jahre geschätzt.
Für unser rationales Denken kaum greifbar, warum diese Figur in der heutigen Zeit, nach so vielen tausenden Jahren, aus zahlreichen Stücken zusammengesetzt wird und (wieder) erscheint.
Indigenes Wissen ist eine Einladung zum Sein mit unseren europäischen Ahnen. Indigenes Wissen stellt früher oder später die Frage: Wer bist du? Wer sind deine Ahnen?
Die indigene Schriftstellerin Linda Hogan vom Volk der Chickasaw Nation beschreibt:
«…plötzlich, stehen alle meine Vorfahren hinter mir. Komm zur Ruhe, sagen sie. Beobachte und nehme wahr. Du bist das Ergebnis der Liebe von Tausenden»[2].
Die Präsenz von indigenem Wissen und derer die es heutzutage noch wahren und leben, lädt früher oder später zu fragen ein: Wer bist du?
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Fußnoten:
[1] Foto: Urgeschichtliches Museum Blaubeuren (2025), abrufbar unter www.urmu.de
[2] Übersetzt aus dem Englischen. Hogan, L. (1996). Dwellings: A Spiritual History of the Living World. Simon and Schuster, p.169.
Das (Er)leben von Zeit - geerdet im Jahreskreis?
Beitrag von Franziska Marie Benz
Mit der Tag- und Nachtgleiche am 23.September - dem astronomischen Herbstbeginn - befinden sich Licht und Dunkelheit im Gleichgewicht. Traditionell beginnt jetzt die Zeit der Vorbereitungen auf den Winter. Um die Zeit der Tag- und Nachtgleiche zelebrierten die Kelten Mabon. In einem kirchlichen Kontext als Erntedankfest bekannt, war Mabon unter anderem Ausdruck des Dankes für die Ernte. Mabon ist eines der acht Jahreskreisfesten der keltischen Vorfahren [1].
Welche Rolle spielt das Leben im Einklang mit dem Jahreskreis in unserer modernen Gesellschaft? Welche Rolle spielt es für deine Familie und dich?
Zeit wird in einem modernen, westlichen Denken überwiegend als die Organisation von sozialem Leben (in Arbeit und Freizeit) vor dem Hintergrund des Erzielens von wirtschaftlichem Erfolg angesehen [2]. Die Einteilung von Zeit im Sinne der zum Ende des 18. Jahrhunderts als gesetzlichen Standartzeit eingeführten Greenwich Meantime entspricht der Vorstellung eines linearen Zeitverständnisses (aufgeteilt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft). Ein indigenes Verständnis von Zeit ist zyklisch [3].
Entspricht dementsprechend unser westliches, lineares Zeitempfinden den natürlichen Prozessen oder stellt es ein Hindernis zu größerer Verbundenheit und Harmonie mit uns selbst und Mutter Erde dar? Lässt sich ein verbundenes, zyklisches Zeitverständnis und das Leben mit dem Jahreskreis in unserer modernen Welt wieder integrieren?
Der Kreis ist ein traditionelles Symbol für Einheit und Verbundenheit. Das bewusste Leben mit den Jahreszeiten und unser Dank an Mutter Erde, lässt uns zurück zu einem ursprünglichen Zeitverständnis, basierend auf Einheit und Verbundenheit, finden.
Wie kann ich beides - das Moderne und ein Leben in gelebter Verbundenheit mit Mutter Erde und ihren Zyklen - (er)leben? Diese und weitere Fragen diskutieren wir unter anderem in unserem Basiskurs “EINSSEIN MIT DER NATUR”.
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Bild: eigene Darstellung
Fußnoten:
[1] King, J. (1995). Celtic Druids Year: Seasonal Cycles of the Ancient Celts. Blandfort.
[2] Tuhiwai Smith, L.(2008). Decolonizing Methodologies. Research and Indigenous Peoples. Pelgrave, S.53.
[3] siehe u.a. LaDuke, W. (1997). Last Standing Woman. Voyageur, S. 299.
Auf den Spuren der Tiere unserer europäischen Kultur
Beitrag von Franziska Marie Benz
Die Höhlenmalereien in der Grotte von Lascaux (Frankreich) zeigen verschiedene Tiere, die einst unsere Vorfahren in Europa vor ca. 17.000 – 38.000 Jahren, auf Basis mineralischen Pigmenten wie Ocker, Kalzit und Holzkohle, zeichneten. Erkennbar auf den Zeichnungen in der Grotte sind unter anderem Auerochsen, Löwen, Bisons und Pferde [1]. Auch verschiedene Tierskulpturen, die in Süddeutschlan gefunden wurden, verweisen auf eine hohe Bedeutung der Tiere für unserer europäischen Vorfahren. Unter den Tierskulpturen befinden sich beispielsweise Wasservogel, Mammut und Pferd [2].
Was dürfen wir in unserer westlichen Kultur in Hinblick auf unsere Beziehung als Menschen zu den Tieren wieder lernen? Was ging durch unsere moderne Sichtweise, die Mensch, Natur und Tier trennt, verloren?
Aus unserer westlichen Perspektive inspiriert von indigenem Wissen fragen wir uns:
Was ist die Botschaft unserer Ahnen und der Tiere, die mit ihnen koexistierten? Was sind die Botschaften der Tiere, die in Form von Zeichnungen und Skulpturen wieder zu uns kommen oder uns im Alltag oder Traum begegnen? Wozu erscheinen sie? Welche Botschaften halten sie für uns bereit?
Eine Frage, die erneut eine Einladung darstellt, sich, wenn man sich berufen fühlt, auf die Spuren der Tiere unserer europäischen Kultur zu begeben und sich von ihnen führen zu lassen.
Die Präsenz der Tiere, die durch meine Vorfahren zu mir sprechen,
dankbar nehme ich sie an und spüre,
trotz geglaubter und gelebter Trennung lässt sich diese Liebe nicht brechen.
Ich entschuldige mich für das Leid,
das durch meine Ahnenlinien den Tieren angetan,
ich schenke dem Schmerz Raum, und lasse mich leiten,
ich lade sie ein,
die Tiere, die mich im Alltag und Traum begleiten
- geführt von Vertrauen und Liebe zu ihnen.
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Foto:
https://de.grottechauvet2ardeche.com/die-anlage-entdecken/die-hohle/
Virtueller Rundgang:
https://archeologie.culture.gouv.fr/lascaux/fr/visiter-grotte-lascaux
Fussnoten:
[1] Newton, I. (2015). Die Bilderwelt von Lascaux. Enstehung - Entdeckung - Bedeutung. Palm Verlag.
[2] Conrad, N.J./Bolus, M./Dutkiewicz, E,/Wolf, S. (2015). Eiszeitarchäologie auf der schwäbischen Alb. Die Funstellen im Ach- und Lontetal und ihrer Umgebung. Kerns Verlag, 2015.
Conrad, N.J./Wolf, S. (2021). Der Hohle Fels in Schelkingen. Anfänge von Kunst und Musik. Kerns Verlag.
Der Wald - ein Spiegel des Zustandes unserer Gesellschaft
Beitrag von Franziska Marie Benz und Jan Koppelin
"Wenn wir nach Modellen für sich selbst tragende Gemeinschaften suchen,
brauchen wir nicht weiter zu blicken als bis zu einem Urwald.
Oder bis zu den alten Kulturen, die in Symbiose mit ihm gewachsen sind" [1] -
Robin Wall Kimmerer (Potawatomi Nation)
Vor 6000 Jahren waren circa 80% des europäischen Kontinents bewaldet. Heute beläuft sich die Zahl auf circa 40%, wovon nur noch 0,2% noch als Urwald existieren [2]. Diese Zahlen spiegeln unsere geringe Wertschätzung gegenüber dem Wald.
Aus einer dekolonialen Perspektive stellt sich die Frage: Rechtfertigt die Unterschutzstellung einzelner Wälder, dass andere Waldflächen ausgebeutet werden? Diese Frage mag dem ‘modernen Menschen’ unverständlich erscheinen.
Doch in einer dekolonialen Weltanschauung, in welcher der Mensch Teil von Mutter Erde ist, erübrigt sich diese Frage. Der seit dem Mittelalter gebräuchliche Begriff “Nutzwald” [3] und seine Interpretation machen deutlich, wie sehr sich der Mensch schon damals von der Natur getrennt hatte.
Bezugnehmend auf das obige Zitat von Robin Wall Kimmerer, dürfen wir uns fragen, was uns unsere gegenwärtige Beziehung zum Wald über die Existenz und Werte von selbst tragenden Gemeinschaften in Europa lehrt?
Unser Umgang mit dem Wald spiegelt die Werte unserer Gesellschaft: Für indigene Menschen ist es unverständlich, dass Großelternbäume - die ältesten und erfahrensten Hüter des Waldes - achtlos abgeholzt werden, wo sie doch Schutz und Vorbild für alle Bäume im Wald sind. Wie gehen wir mit den Alten und Weisen unserer Familien und Gesellschaft um?
Kehren wir zur Verbundenheit zurück, kann der Wald ein Lehrmeister sein, der uns an die Grundlagen von Gemeinschaft erinnert und daran, dass Balance kein Zustand, sondern ein aktives Ausgleichen von Geben und Nehmen ist [4]. Erkentnisse hierzu gibt es auch in der westlichen Wissenschaft [5].
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Bild: Eiche in Bad Aibling, DE.
Fußnoten:
[1] Aus dem Englischen übersetzt: Kimmerer, R. W. (2013). Braiding sweetgrass: Indigenous wisdom, scientific knowledge, and the teachings of plants. Milkweed Editions. Kapitel: Old-growth children.
[2] www.wwf.de/themen-projekte/waelder/wenn-wald-wieder-wild-wird-europas-naturerbe
[3] Mantel, K. Die Anfänge der Waldpflege und Forstkultur im Mittelalter unter der Einwirkung der lokalen Waldordnung in Deutschland. Forstw Cbl 87, 75–100 (1968).
[4] Aus dem Englischen übersetzt: Kimmerer, R. W. (2013). Braiding sweetgrass: Indigenous wisdom, scientific knowledge, and the teachings of plants. Milkweed Editions. Kapitel: A mother’s work.
[5] siehe u.a. Forschung von Peter Wohlleben und Clemens G. Arvay.
Weihnachtsbaum: Traditionelles Symbol der Hoffnung
Beitrag von Franziska Marie Benz
"Der Tannenbaum war ein heiliger Baum unserer Vorfahren in Europa …
seit langem bringen wir nur noch abgeschnitten Bäume in unsere Häuser
und unsere Wurzeln sind somit bildlich abgeschnitten"
- Piero Rivera Kindschi
Ein verwurzelter Baum stellte für die europäischen Vorfahren (Kelten, Germanen, Slawen...) ein Symbol von Verbundenheit mit der Natur dar und repräsentiert die Verbindung zwischen der materiellen und geistigen Welt. So symbolisieren zum Beispiel die Tanne und Fichte, die als Weihnachtsbäume sehr beliebt sind, in Überlieferungen die Polarität des Männlichen (Tanne) und des Weiblichen (Fichte). Der Weihnachtsbaum steht traditionell mit seinen immergrünen Zweigen für Lebenskraft und Hoffnung. Geschmückt bringt er Licht und Liebe in die dunkle Jahreszeit. Der Weihnachtsschmuck für den Baum hatte ursprünglich unter anderem die Funktion, sich gegenseitig Gutes zu wünschen.
Pflegst du in deiner Familie die Tradition, zu Weihnachten einen Weihnachtsbaum zu schmücken?
Wenn ja, welche Bedeutung hat der Weihnachtsbaum für deine Vorfahren?
Welche Bedeutung hat der Weihnachtsbaum für dich?
Wenn ein Mamo die Erlaubnis erteilt, dem Dschungel einen Baum zu entnehmen, dann bereiten die Kogi den Baum frühzeitig darauf vor. Mit einem Ritual, mit welchem sie die Seele des Baumes verabschieden und ihr Zeit geben, sich vom Baum zu lösen, drücken sie gegenüber dem Baum, dem Wald, all seinen Verbundenen und Mutter Erde, ihre volle Wertschätzung aus.
Grossmutter- und Grossväterbäume werden nicht geerntet, weil sie wichtige Funktionen wahrnehmen wie das Halten des Gleichgewichts im Wald und das Hüten von uraltem Wissen. Die Kogi führen regelmässig Rituale wie Pagamento (Dankbarkeitsritual) durch, um die spirituelle und materielle Welt im Gleichgewicht zu halten. Pagamento machen sie u.a. auch für die Bäume und den Wald.
Vielleicht magst du dieses Jahr den Weihnachtsbaum, den du aussuchst, bewusst zu dir nach Hause einladen und ihn willkommen heissen. Gestalte gerne dein eigenes Ritual. Vielleicht erntest du den Baum selber und nimmst die Möglichkeit wahr, ihn rechtzeitig darauf vorzubereiten, damit er sich verabschieden kann.
Fragst du den Baum jeweils, bevor du ihn mit nach Hause nimmst, ob er ein Weihnachtsbaum in deiner Familie werden möchte?
Welches Ritual hast du gewählt, um dem Weihnachtsbaum zu danken?
Gibt es bereits ein Ritual, mit welchem ihr in euren Familien dem Weihnachtsbaum dankt?
Die Weihe- bzw. Rauhnächte sind in europäischen Traditionen heilige Tage der Übergangszeit - bis das Licht langsam wiederkehrt. Auch die Kogi zelebrieren die Zeit um die Wintersonnenwende mit Ritualen und Zeremonien.
Wie feierst du diese Übergangszeit?
Impulse zum Dekolonialisieren des westlichen Verständnisses von Zeit
Beitrag von Franziska Marie Benz
Die Dekolonialisierung des westlichen Zeitverständnisses stellt einen entscheidenden Prozess in der Erinnerung an die eigenen indigenen Wurzeln dar. Denn Zeit wird dann, im Gegenzug zu dem überwiegend dominierenden, aus der Moderne entstandenen und an Profit gekoppelten „Zeit-zu-Nutzen“-Zweck, wieder erfahrbar und Verbundenheit spürbar.
Aus einer indigenen Perspektive ist Zeit zyklisch und mit Raum, Beziehungen und Handlungen verwebt. In der Māori-Sprache ist z.B. das Wort für Zeit und Raum dasselbe. Viele indigene Kulturen besitzen gar kein Wort für Zeit und Raum [1]. Robin Wall Kimmerer (Citizen Potawatomi Nation) beschreibt in Bezug auf viele indigene Wissenssysteme, dass "Zeit kein Fluss ist, sondern ein See, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gemeinsam existieren" [2].
Durch z.B. das Erzählen von Geschichten und das Praktizieren von Zeremonien beginnen wir, aus dem See, einem gelebten Gedächtnis, zu schöpfen, zu erinnern und zu kreieren und von einem abstrakten, linearen und leeren Verständnis von Zeit loszulassen. Insbesondere durch das Praktizieren von Zeremonien entwickeln wir ein erlebtes Zeitgedächtnis und nehmen u.a. Verbindungen und Übergänge bewusster wahr.
Die Einführung des gregorianischen Kalenders, nach dem wir heute in der westlichen Welt leben, ist Ausdruck eines entkoppelten, linearen Rhythmusses, der auf wirtschaftlichen Interessen und dem Modell des „Fortschrittes“ basiert. Die indigene Professorin Linda Tuhiwai Smith (Ngāti Awa und Ngāti Porou, Māori) beschreibt in ihrem Buch „Decolonizing Methodologies“ die westlichen Ideen von Zeit und Raum als messbare und absolute Kategorien [3].
Durch das Reintegrieren eines natürlichen, zyklischen Zeitverständnisses erinnern wir uns z.B. an die Verbundenheit mit den Jahreszeiten, spüren und wertschätzen die verschiedenen Qualitäten. Emotionen dürfen wieder lebendig werden. Wir erinnern uns unserer Verbindung, aktiven Beziehungen zu dem Land, den Vorfahren und zu Mutter Erde und allen ihren Lebewesen. Unsere Vorfahren sind wieder präsent, nicht distanziert.
Ein ursprüngliches Zeitverständnis lässt sich zum Teil verstärkt in unseren westlichen Alltag integrieren bzw. wird wieder bewusster wahrnehmbar. Jeder kennt die Momente, in denen man „Zeit vergisst“, weil man so fokussiert ist, z.B. auf einen kreativen Prozess oder auf das Genießen der Zeit mit Familie und/oder Freunden.
Dankbarkeits- und Reinigungsritualen wie Pagamento und Limpieza sind ohne Weiteres in den Alltag integrierbar und führen uns zurück zu einer ursprünglichen Beziehung zur Zeit. Wir erfahren Präsenz durch gelebte Beziehungen zu Zeit und Raum und lösen uns von einer Zeit, die leer ist, getrennt von Raum und nur an "Arbeiten" gebunden ist. Auch das Leben mit dem Mondkalender reintegriert ein ursprüngliches Bewusstsein im Rhythmus mit den Gezeiten. Allein das Bewusstwerden darüber, wie sehr uns Zeit kontrolliert und in welchem künstlich kreierten Zeitsystem wir leben, bewirkt eine innerliche Veränderung. Unter anderem das bewusste Weglegen der Uhr und des Handys sowie teilweise flexible Arbeitszeiten geben uns Raum, Zeit wieder erfahrbar zu machen und uns daran zu erinnern, was uns als Menschen nährt und lebendig sein lässt.
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Fußnoten:
[1] Tuhiwai Smith, L. (2008). Decolonizing Methodologies. Research and Indigenous Peoples (twelfth impression). Palgrave, siehe S.50f.
[2] Wall Kimmerer, R. (2013). Braiding Sweetgrass. Canada: Milkweed. Chapter of People of Corn, People of Light
[3] ebd., S.54 ff.