Kogi – Eine indigene Hochkultur
Die Kogi gehören zu den letzten indigenen Völkern der Erde, die ihre jahrtausendealte Lebensweise bis heute bewahrt haben. In der Sierra Nevada de Santa Marta im Norden Kolumbiens leben sie in tiefer Verbundenheit mit der Natur und verstehen sich als Hüter des «Herzens der Erde». Ihre Botschaft an die moderne Welt ist ebenso einfach wie eindringlich:
Das Wohlergehen der Menschheit hängt von der Wiederherstellung des Gleichgewichts der Natur ab.
Das erste Volk wurde vom ersten grossen Mamo namens Teyrone angeführt. Ein Teil seines Volkes hatte die Aufgabe, sich um die physische Welt zu kümmern. Die Erschaffung kunstvoller Keramiken und meisterhafter Goldschmiedearbeiten sind erhalten gebliebene Artefakte ihrer energetisch wichtigen Aufgaben. Der andere Teil des Volkes – dessen Nachfahren die heutigen Kággaba (Kogi) sind – war mit der geistigen Welt verbunden.
Die Kogi sind eines von vier indigenen Völkern der Sierra Nevada de Santa Marta im Norden Kolumbiens. Seit Jahrtausenden leben sie in diesem einzigartigen Gebirge, das sie als das Herz der Erde verstehen und mit grosser Sorgfalt hüten. Nach der Invasion der Spanier um 1500 wurden viele Angehörige ihres Volkes getötet. Die Überlebenden zogen sich in die schwer zugänglichen Bergregionen zurück und schotteten sich über Jahrhunderte weitgehend von der Aussenwelt ab. Dadurch konnten sie ihre Kultur, ihre ursprüngliche Lebensweise und ihr über Jahrtausende überliefertes Wissen bewahren.
Das Leben der Kogi ist geprägt von einer tiefen Verbundenheit mit der Natur und der spirituellen Welt. Es richtet sich nach den Gesetzen der Natur, die nach ihrer Überlieferung seit Anbeginn der Zeit bestehen. Orientierung finden sie in Aluna – der geistigen Dimension des Seins –, bei den geistigen Vätern und Müttern der heiligen Orte sowie bei ihren Ahnen. Diese Beziehung zur sichtbaren und unsichtbaren Welt prägt alle Bereiche ihres Lebens und ihren respektvollen Umgang mit der Erde.
Vor rund dreissig Jahren entschieden sich die Kogi erstmals, aus ihrer jahrhundertelangen Abgeschiedenheit herauszutreten. Sie wollten die «Kleinen Brüder», wie sie die westliche Welt nennen, auf die Folgen einer von der Natur entfremdeten Lebensweise aufmerksam machen. Ihre Botschaft ist heute aktueller denn je:
Das Gleichgewicht der Erde ist bedroht – und damit die Zukunft allen Lebens.
Die Kogi laden uns ein, unsere Vorstellung von Fortschritt zu hinterfragen und unsere Beziehung zur Natur neu zu betrachten.
Ihre Weisheit erinnert uns daran, dass der Mensch nicht über der Natur steht, sondern untrennbar mit ihr verbunden ist.
Autorin: Anita Weber / Juli 2027
Mochilas der Kogi
Kogi-Mochilas repräsentieren die Kultur und die Geschichte dieses indigenen Volkes. Sie sind ein wichtiger Teil ihrer kulturellen Identität, denn die Muster, die Farben, die Form tragen Jahrtausende altes Wissen der Ahnen über die Natur, über das Universum, über die Fruchtbarkeit, über die weiblichen und männlichen Stammeslinien u.v.m. in sich. Die Kogi behandeln ihre Mochilas deshalb mit tiefem Respekt und grosser Wertschätzung.
Die Mochilas haben für die Kogi eine hohe symbolische und spiri-tuelle Bedeutung, denn sie symbolisiert das Universum, die Gebär-mutter, die Fruchtbarkeit, das urweibliche Prinzip, die Lebensessenz. Ihre Form entspricht derjenigen einer Gebärmutter. Der spiral-förmige Aufbau der Mochila repräsentiert den wiederkehrenden Lebenszyklus sowie den Lebensfaden und die Schöpfungs-geschichte. Er stellt den Ursprung des Universums dar und hat dadurch auch eine wichtige Bedeutung bei den Geburten.
Das Nähen der Mochilas ist eine meditative, spirituelle Tätigkeit bei welcher die Frauen ihre guten, harmonischen Gedanken sowie die Kosmovision ihres Volkes in die Mochila nähen, welche durch die Form, das Material, die Farben und die Muster zu Materie werden.
Jede Mochila enthält eine Botschaft. Kogi-Frauen sind in der Lage, die in eine Mochila eingewebten Gedanken nach Jahren noch zu lesen. Alle Mochilas werden von einem Mamo gesegnet. Dadurch werden die Mochilas mit der männlichen Energie angereichert und das Gleichgewicht zwischen männlicher und weiblicher Energie aufrechterhalten.
Das Gefühl, eine gesegnete Mochila voller guter Gedanken und Gefühle zu tragen, in welcher das Lebensprinzip eingewoben ist, ist unbeschreiblich.
Herstellung
Die Mochilas der Kogi sind hauptsächlich der Fique-Faser der Magey-Pflanze oder aus Baumwolle. Die Pflanzen werden von den Kogi angebaut und in diesem Prozess auch spirituell genährt. Nur selten stellen sie Mochilas aus Schafwolle her.
Mädchen lernen das Nähen von Mochilas ab dem Alter von ca. 5 Jahren. Bis zum Alter von ca. 13 Jahren nähen sie ausschliesslich in weisser Farbe, welche u.a. Reinheit symbolisiert. Danach beginnen sie die reichhaltige Palette von Farben zu verwenden.
Bevor eine Kogi-Frau den ersten Stich macht, wählt sie ein Thema aus, über welches sie sich während des Nähens der Mochila Gedanken machen will. Zudem legt sie fest, für wen und wofür die Mochila genäht wird. Es kann sein, dass sie sich entscheidet, dass die Mochila für eine Person ausserhalb ihres Volkes angefertigt wird im Wissen, dass die Mochila ihren Weg zu der betreffenden Person finden wird.
Die Herstellung der Mochilas ist eine meditative Arbeit, während welcher die Frauen ihre Gedanken und Gefühle zum jeweiligen Thema einweben. Dabei achten sie sorgfältig darauf, dass sie nur gute Gedanken und Gefühle einnähen. Falls negative Energien auftauchen, legt sie die Arbeit beiseite und reinigt die negativen Energien mit einem Limpieza.
Die Fäden aus Fique spinnen die Frauen auf ihren Oberschenkeln zu Garn. Die Baumwolle wird mit Hilfe einer Spindel gesponnen.
Der erste Stich beginnt im Zentrum des Bodens der Mochila. Er symbolisiert die Erschaffung der Welt, welche sich mit jedem Stich, der mit dem Lebensfaden gemacht wird, weiter ausdehnt. Die Frau ordnet dabei ihre Gedanken, sich selbst und damit auch die Welt im aussen, mit welcher sie dauernd in Verbindung ist. Es handelt sich um eine Tätigkeit, welche die Frauen und Mädchen neben der täglichen Arbeit in den Gärten, auf Fussmärschen durch den Dschungel etc. ausführen.
Die Herstellung einer mittelgrossen Mochila nimmt, den Anbau und die Ernte der Pflanzen nicht eingerechnet, bis zu mehrere Monate (Reinigung der Pflanzenfasern, Spinnen, Nähen) in Anspruch. Eine grosse Mochila kann aus über 100'000 Stichen bestehen.
Farben und Muster
Wenn möglich werden Pflanzenfasern mit Naturfarben von Blättern, Blüten, Rinden, Wurzeln, Mineralien gefärbt. Die teilweise langwierigen Prozesse können mehrere Wochen dauern. Aufgrund der enormen Zerstörung, welche die Siedler in der Sierra Nevada de Santa Marta angerichtet haben, hat es nicht mehr genügend Pflanzen, um alle Mochilas mit natürlichen Farben zu färben.
Jede Farbe hat eine symbolische Bedeutung. Einerseits repräsentieren sie die vielfältigen Farben in der Natur und andererseits widerspiegeln sie die Weltanschauung und die spirituelle Verbindung der Kogi zu Mutter Erde und zum Universum.
In der Regel werden horizontale Streifen in verschiedenen Farben in die Mochilas eingenäht. Diese entsprechen der Zugehörigkeit des Trägers/der Trägerin zur jeweiligen Familie oder sie stellen heilige Orte, Elemente oder die uns hinterlassenen Naturgesetze dar.
Manchmal werden Muster eingewoben, welche beispielsweise die Berge oder die Füsse der Sierra symbolisieren etc.
Verwendung der Mochilas
Manchmal webt eine Frau eine Mochila für einen Mann, den sie verehrt und signalisiert ihm, indem sie ihm die Mochila schenkt, ihr Interesse an ihm.
Auch für Neugeborene werden Mochilas hergestellt, in welchen sie vom Vater zum Fluss getragen werden, wenn sie das erste Mal gewaschen werden.
Die Kogi haben Mochilas für unterschiedliche Zwecke: Zur Aufbewahrung des Poporos, für die Aufbewahrung persönlicher Gegenstände, für die Aussaat von Maiskörnern, für die Aussaat von Kartoffeln, für das Rösten von Coca-Blättern.
Die Herstellung und die Grösse entspricht dem Verwendungszweck. Zum Transport von schweren Lasten, weben die Kogi-Frauen doppelte Böden in die Mochilas.
Jede Mochila ist ein Unikat, welches die Kogi an die verschiedenen Lebensformen erinnert. Jede Mochila ist auf ihre eigene Art sehr wertvoll und sollte entsprechend wertgeschätzt werden.
Kogi-Mochilas stellen einer Verbindung zu Mutter Erde und zum Universum her. Durch das Tragen einer Mochila können wir uns mit den Gedanken und der Kosmovision der Kogi verbinden und werden auf diese Weise wieder an unseren eigenen Ursprung erinnert.
Autorin: Anita Weber
Kleidung der Kogi
Die Kleidung hat für die Kogi eine tiefe spirituelle Bedeutung. Die Her-stellung ist vom Säen der Baumwollsamen bis zum fertigen Kleidungsstück eine Aneinanderreihung von Arbeitsschritten, welche verwoben sind mit der physischen und der geistigen Welt. Pagamento und gute Gedanken sind stetige Begleiter dieses anspruchsvollen kunsthandwerklichen Prozesses, welcher sehr viel Wissen und handwerkliches Geschick erfordert.
Auch unsere Ahninnen waren sich der Kraft der Gedanken bewusst. Deshalb achteten beispielsweise auch sie bei der Herstellung von Stoffen und Kleidung, welche aus Naturmaterialien wie Wolle, Leinen-, Hanf-, Brennesselfasern bestanden, sorgfältig darauf, dass sie gute Gedanken hineinwebten / nähten. Denn ihnen war bewusst, dass das Schiffchen / die Nadel zwischen der spirituellen und der physischen Welt hin- und herwandert und dass beide Welten mit den Gedanken der Kunsthandwerkerin genährt werden.