Die Architektur der Kogi - gelebtes Weldbild


Die Architektur ist für die Kogi ein Ausdruck ihrer Kosmologie. Jedes Gebäude stellt nicht nur das Weltbild dar, sondern ist auch kulturelles Gedächtnis. 


Autorin: Anita Weber


Die Architektur der Kogi ist eine der am besten erhaltenen ursprünglichen Bauformen. Sie ist ein Teil der indigenen Identität der Kogi – genauso wie ihre Sprache, ihre Mochilas, ihre Kleidung, ihre Poporos.  

Die Bauweise der Kogi ist weit mehr als eine rein technische oder funktionale Tätigkeit. Der Bau von Gebäuden steht in direktem Zusammenhang mit ihrer Kosmogonie, also ihrem Welt- und Schöpfungsverständnis. Jedes Gebäude spiegelt die Vorstellung der Kogi von der kosmischen Ordnung wider und dient als materielle Darstellung ihres Universums.

Die Errichtung eines Hauses ist für die Kogi nicht nur ein handwerklicher Vorgang, sondern zugleich ein tief kultureller und spiritueller Prozess, welcher fest in der traditionellen Kultur verankert ist. Dies zeigt sich im gesamten Bauablauf, der strengen traditionellen Regeln folgt: Bei der Konsultation der Mamos (spirituelle Autoritäten und Weisheitshüter), der Auswahl des Bauplatzes, der Auswahl der natürlichen Baumaterialien, der Berücksichtigung der Himmelsrichtungen, der zeitlichen Planung, der Reihenfolge der Arbeitsschritte, der Beteiligung der Gemeinschaft am Bau, bei rituellen Handlungen während der Konstruktion. 

 

Architektur und Weltbild der Kogi sind untrennbar miteinander verbunden. Die Bauweise der kegelförmigen Häuser verkörpert ein komplexes Wissenssystem, in welchem Kenntnisse der Umwelt, die soziale Organisation der Kogi, ihre kulturellen Werte und ihre kosmologische Vorstellung miteinander verwoben sind. Die Gebäude dienen einerseits als Wohn- und Gemeinschaftshäuser, andererseits repräsentieren sie die Vorstellungen der Kogi über die Entstehung und die Funktionsweise des Universums. Dabei können die Bauten sowohl eine runde Form als auch einen rechteckigen Grundriss aufweisen.

Der Baustil und die verwendeten Materialien stehen in engem Zusammenhang mit dem jeweiligen Territorium. Die Sierra Nevada de Santa Marta erstreckt sich von der Karibikküste bis auf eine Höhe von 5'750 Metern über Meer und umfasst alle fünf Klimazonen. Entsprechend passen die Kogi ihre Baumaterialien an die jeweiligen klimatischen Bedingungen an. Auch die Form der Dächer orientiert sich an den umliegenden Bergen und stellt damit eine Verbindung zwischen Architektur und Landschaft her.


Berge, Flüsse und Wälder werden als lebendige Wesenheiten des kosmischen Systems verstanden. Die Gebäude werden deshalb so errichtet, dass sie mit ihrer Umgebung in Beziehung stehen. Die Landschaft wird nicht umgestaltet, sondern die Gebäude werden in die Landschaft integriert. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die 'Verlorene Stadt', welche sich perfekt in die topografischen Bedingungen im Dschungel einfügte. Die Natur wurde trotz der zahlreichen dort wohnhaften Menschen nicht zerstört. Die Bauweise der Häuser ist so konzipiert, dass sie abgebaut und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden können. Und am Ende ihres Lebenszyklus kehren sie in den Kreislauf der Natur zurück.  

Grundlegende kosmologische Prinzipien wie Dualität, wechselseitige Ergänzung, Gleichgewicht sowie die Verbindung zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt finden sich in der Form, Symbolik, Ausrichtung (z.B. Himmelsrichtung) und Struktur der Gebäude wieder. 


Der kreisförmige Grundriss der Häuser versinnbildlicht die Linea Negra, welche das Stammesgebiet der vier Völker der Sierra Nevada de Santa Marta abgrenzt. Das Quadrat unter dem Dach repräsentiert den Webstuhl mit seiner tiefen symbolischen Bedeutung. Die Kreise unter dem Dach, der spiralförmige Aufbau des Daches, die vier Feuer im Nuhué (Weltenhaus, Gemeinschaftshaus der Männer), die Frauenhäuser, welche die Gebärmutter repräsentieren - um nur einige wenige Beispiele zu nennen - repräsentieren die tiefe Beziehung von Architektur, Natur, Kultur, Kosmos und der materiellen sowie der unsichtbaren Welt.


Nach dem Weltbild der Kogi besitzt jedes in der physischen Welt des Lichts für uns sichtbar gebaute Haus ein entsprechendes energetisches Spiegelbild unter der Erde, in der Welt der Dunkelheit. Auf diese Weise wird die enge Verbindung zwischen der materiellen und der spirituellen Welt architektonisch zum Ausdruck gebracht.

Bei den schlicht wirkenden Gebäuden handelt es sich in Wirklichkeit um ein hochkomplexes System aus Raum, Symbolik und tiefgründigem Kulturwissen. 

Mit diesem Artikel geben wir einen kleinen Einblick in eine aussergewöhnlich faszinierende Kultur, deren Alltag von einem Wissen geprägt ist, das über viele Generationen hinweg bewahrt und weitergegeben wurde. Diese Einblicke können berühren, inspirieren und neue Perspektiven eröffnen. Gleichzeitig birgt die Beschäftigung mit dem tiefgründigen Wissen der Kogi die Gefahr, dieses Volk zu idealisieren oder zu romantisieren. 

Wir würden diesem wunderbaren Volk nicht gerecht, wenn wir nicht anerkennen würden, dass die Kogi Menschen sind wie wir alle – mit Stärken, Herausforderungen und Entwicklungsprozessen.

Landeigentum beim Volk der Kogi


Landeigentum von Kogi-Familien
Viele Kogi-Familien besitzen eigene Landparzellen, die sie geerbt oder selber gekauft haben. Neue Parzellen finanzieren sie aus dem Verkauf von Kaffee und Kakao, den sie auf ihrem Land anbauen. Der Landkauf wird im Namen des Familienoberhauptes im kolumbianischen Regional-Register sowie im Zentralregister eingetragen und ist somit rechtlich verbrieft. Das Land wird an die männlichen Nachkommen vererbt.

Schenkungen an einen Mamo
Manchmal schenkt eine Gemeinschaft einem Mamo, welcher neue wichtige Aufgaben übernimmt, ein Stück Land, auf welchem er inskünftig tätig ist. Er verlässt daraufhin mit der Saxa seinen Wohnort und zieht an den neuen Ort, um dort zu leben. Gemeinsam hüten sie diesen meist heiligen Ort.

Landkauf durch Kogi mit Geldern aus dem Okzident
Wenn ein Landkauf mit Spendengeldern möglich ist, dann beraten die zuständigen Mamos darüber, welches Stück Land gekauft wird und wer es hüten soll. Es kommt vor, dass sie sich für ein Stück Land entscheiden, ihre Meinung aber ändern und ein anderes Stück Land erwerben, das für sie geeigneter ist.
Das Land wird entweder im Namen des Familienoberhauptes derjenigen Familie gekauft und in den Registern eingetragen, welche es hüten wird. Wenn noch nicht klar ist, wer es bewirtschaften wird, wird es im Namen eines Mamos gekauft und später an diejenige Familie übertragen (in den Registern), welche auf dem Land leben wird. Der Übertrag eines Stück Landes an eine Familie ist somit ein gemeinsamer Entscheid mehrerer Mamos.

Landkauf mit einer Organisation mit Geldern aus dem Okzident
Eine weitere Variante ist, dass Land im Namen einer Organisation der Kogi gekauft wird. Das Land gehört der Organisation, nicht aber einzelnen Familien. Die Organisation entscheidet über die Verwendung des Landes.