Sommersonnenwende
Warum reinigen die Kogi die Energie der Sonne?
Autorin: Anita Weber
Die Sommersonnenwende gehört seit jeher in vielen Kulturen zu den bedeutendsten Tagen des Jahres. Nach unserem Kalender fällt sie meist auf den 20. oder 21. Juni, seltener auf den 22. Juni. Sie symbolisiert den Ausgleich gegensätzlicher Kräfte: Die Sonne erreicht ihren höchsten Stand am Himmel, bevor ihre Kraft langsam wieder abnimmt.
In den europäischen Traditionen spielen die Elemente Feuer und Wasser eine zentrale Rolle. Das Feuer steht als Symbol der Sonne und der männlichen Energie, das Wasser als Symbol des Mondes und der weiblichen Energie. Beide Elemente sind eng mit Reinigungsritualen verbunden.
Das Baden in einem Fluss oder See sowie der Sprung über das Sonnenwendfeuer galten in der europäischen Kultur als wichtige Rituale der Reinigung und Erneuerung. Ebenso bedeutsam waren der Besuch heiliger Quellen, Opfergaben wie Getreide, Bier oder Blumenkränze sowie das Sammeln von Heilkräutern. Diese Bräuche stärkten nicht nur die Gemeinschaft, sondern dienten auch der Förderung von Fruchtbarkeit und einer reichen Ernte sowie der bewussten Einbindung des Menschen in den natürlichen Jahreskreis.
Wasser und Feuer verkörpern gegensätzliche und zugleich sich ergänzende Kräfte. Während Wasser traditionell mit Erinnerung, Aufnahme und Bewahrung verbunden wird, steht Feuer für Wandlung, Transformation und Erneuerung. Gerade deshalb erfüllen beide Elemente unterschiedliche Reinigungsfunktionen.
Auch die Kogi feiern die Zeit der Sommersonnenwende – allerdings nicht an einem einzelnen Tag, sondern während eines ganzen Monats. Nach ihrem Verständnis trägt die Sonne – wie alles in unserer dualen Welt – sowohl positive als auch negative Energien in sich.
In grossen Zeremonien ehren sie Vater Sonne, bringen ihm mit dem Pagamento, einem Dankbarkeitsritual, Gaben dar und stärken seine positiven Energien. Durch die Limpieza, ein Reinigungsritual, befreien sie ihn von negativen Energien.
So zeigen sich über Kontinente und Kulturen hinweg erstaunliche Gemeinsamkeiten: Die Ehrung der Sonne, die Wertschätzung der Natur sowie Rituale der Reinigung und der Dankbarkeit erinnern uns daran, dass wir Menschen seit jeher in den grossen Kreislauf der Natur eingebunden sind.