Impulse aus unserem Austauschkreis
‘Kreis der Fülle’
Autorin: Anita Weber
Ob in der römischen Mythologie, in der hermetischen Tradition oder in indigenen Weisheitslehren – Fülle wird nicht in erster Linie als Besitz verstanden, sondern als Ausdruck einer lebendigen Verbundenheit. Sie entsteht dort, wo Geben und Empfangen im Gleichgewicht sind und das Leben frei fliessen kann.
Abundantia – die römische Sicht
Das spanische Wort für Fülle lautet abundancia. Es erinnert an die römische Göttin Abundantia, die als Personifikation von Wohlstand, Fruchtbarkeit und Fülle verehrt wurde. Ihr Füllhorn symbolisiert den nie versiegenden Reichtum. Sie repräsentiert:
- materiellen Wohlstand
- Glück und Gelingen
- Fruchtbarkeit und reiche Ernten
- Harmonie zwischen Mensch, Natur und göttlicher Ordnung
- Nahrung, Sicherheit und Versorgung
Fülle in der hermetischen Tradition
In späteren hermetischen und esoterischen Traditionen wurde die Gestalt der Abundantia als Sinnbild der Fülle und des unerschöpflichen Lebensstroms gedeutet. Dort gilt das Universum als lebendig, miteinander verbunden und von geistigen Gesetzmässigkeiten durchdrungen. Fülle entsteht durch:
- die Teilnahme an der kosmischen Ordnung
- innere Ganzheit
- den Einklang mit dem natürlichen Fluss des Lebens
- spirituelle Fruchtbarkeit
Fülle aus indigener Sicht
- Loslassen
- Vertrauen, dass das Leben grundsätzlich genügend bereithält
- Leben im Einklang mit den Naturgesetzen
- Eine innere Haltung des Genug-Seins
- Balance zwischen Mensch, Natur, Geist und Gemeinschaft
- Respekt gegenüber Ahnen, Traditionen und allem Leben
- Ein ausgewogenes Familien- und Gemeinschaftsleben
- Tiefes Vertrauen in die Führung der Schöpfung
Aus Sicht der Kogi entsteht ein Ungleichgewicht, wenn Menschen dauerhaft nehmen, ohne den Kreislauf des Gebens und Empfangens auszugleichen. Ein solcher Verlust des Gleichgewichts führt langfristig zu Mangel – nicht nur materiell, sondern auch auf geistiger, sozialer und ökologischer Ebene.
Auch ungelöste Konflikte unterbrechen den Fluss der Beziehungen. Was nicht geklärt wird, kann auf Dauer zu einem Mangel an Vertrauen, Verbundenheit und Lebenskraft führen.
Dabei betont jede Tradition einen anderen Aspekt der Fülle:
- die römische Mythologie den materiellen Wohlstand und die Versorgung,
- die hermetische Tradition die geistige Verbundenheit mit der kosmischen Ordnung und
- indigene Weisheitslehren die Balance in den Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Gemeinschaft.
Gemeinsam erinnern sie uns daran, dass Fülle dort entsteht, wo Leben im Gleichgewicht ist – in uns, zwischen uns und im Einklang mit der Natur.
Eine Einladung zur Reflexion
Wie würde sich dein Blick auf die Welt verändern, wenn du die Natur als lebendiges Gegenüber statt als Ressource betrachten würdest?
Welchen ersten Schritt möchtest du gehen, um die Verbindung zu dir selbst und zur lebendigen Welt um dich herum zu stärken?